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Child In The Manger

Zum ausgehenden Jahr 2019 ein Weihnachtslied des ausgehenden 19. Jahrhunderts, das wie viele andere die wunderbare Verbindung, manchmal aber auch unerträgliche Spannung zwischen Gottheit und Menschheit besingt. Es hat außerdem eine zweite Strophe, die weltliche Macht, Schönheit und jeglichen Stolz besonders kompromisslos und nüchtern demontiert. Sehr schön! Und wenn ich die Melodie höre, beschleicht mich wieder einmal die Ahnung, dass nicht nur in diesem konkreten Fall die Grundlagen unserer heutige Popmusik ihren Ursprung auf den britischen Inseln haben.

Die Melodie stammt irgendwo aus dem späteren 19. Jahrhundert und Schottland, wo der mögliche Herkunftsort ihr den Namen Bunessan einbrachte. Sie tritt erstmals mit einem gälischen Text namens Leanabh an aigh (etwa Kind der Freude) einer gewissen Mary Macdonald in Erscheinung. Von einem gewissen Lachlan Macbean erscheint dann 1888 eine für mich mäßig ansprechende englische Übersetzung namens Child in the manger, die ich in meiner Aufnahme singe. Erst 1931 wird der heute durch Cat Stevens so populäre Text veröffentlicht, geschrieben von der Kinderbuchautorin Eleanor Farjeon. Er hat gar nichts mehr mit den bisherigen Weihnachtstexten zu tun, sondern wurde mit dem Ziel beauftragt, ein Lied zum täglichen Lob der Schöpfung zu kreieren – was meines Erachtens wirklich wunderschön gelungen ist, aber erst in 15 Jahren gemeinfrei wird.

Aber nicht nur Text und Melodie von Morning Has Broken stammen nicht von Cat Stevens, sondern übrigens auch die charakteristischen, zwischen C- und D-Dur herummodulierenden Zwischenspiele, die dort auch als Intro und Outro eingesetzt wurden. Diese kommen von dem verwunderlichen Yes-Pianisten Rick Wakeman, welcher sie für sein eigenes Lied über Catherine Howard komponiert und 1971 im Studio mit Stevens nur nebenbei gespielt hat. Stevens soll ihn dann mehrfach gedrängt haben, sie ihm doch für die Aufnahme von Morning Has Broken zu leihen. Und obwohl das Lied dann gerade durch diese widerwillige Leihgabe so unverwechselbar wurde, erscheint Wakeman bis heute nicht als beteiligter Komponist und soll zudem einst nicht einmal die umgerechnet etwa 20 Euro Studiohonorar bekommen haben.

Warum schreibe ich das? Weil eine Sekunde nach dem Upload dieses Liedes bei YouTube ein für mich nicht näher identifizierbarer, vermeintlicher Rechteinhaber Anspruch auf die Melodie von Morning Has Broken anmeldete. Diese Anmeldung ist dabei keine reine Info, sondern mit der Tatsache verknüpft, dass ich meine Aufnahme den Vorgaben des vermeintlichen Rechteinhabers unterwerfen muss. In diesem Fall hat er entschieden, dass ich die Aufnahme veröffentlichen darf – wie gnädig! –, die Erlöse aus jeglicher Monetarisierung der Aufnahme aber an ihn gehen. In einem anderen Fall hatte er entschieden, dass ich meine Aufnahme gar nicht erst veröffentlichen darf. Natürlich habe ich damals wie heute Einspruch dagegen erhoben, wobei ich in Textform erklären musste, warum ich der Meinung sei, dieses Recht zu haben. Binnen 30 Tagen wurde mir von YouTube eine Antwort versprochen – bis dahin bin ich der Sperre einfach ausgeliefert! Was, wenn ich wirklich auf eine Veröffentlichung des Liedes oder auf Erlöse daraus angewiesen wäre? Dass mein Gegenüber den Anspruch in beiden Fällen zurückzog, schien mir dann auch mehr oder weniger zufällig und nicht von Kulanz zu unterscheiden – zumal YouTube mir keinen direkten Kontakt zu meinem Gegenüber ermöglicht und noch nicht einmal sagt, in welcher Sprache es meine Ausführungen überhaupt verstehen könnte.

Auch wenn ich hier sehr weit ins Detail gehen könnte – ich sehe trotz aller großen Schwächen keine fairere Alternative zu unserem Urheberrecht –, will ich mich doch auf ein Kernproblem dieses konkreten Falls konzentrieren: Dass YouTube zu wenig Verantwortung übernimmt. YouTube hat zu allererst wirtschaftliche und politische Interessen, und diese stehen Fairness und Recht entgegen. YouTube verzerrt deshalb das Urheberrecht ganz gezielt durch Desinformation und tut so wenig wie unter Strafandrohung nur irgendwie möglich, Rechten von Urhebern gerecht zu werden. Und das, obwohl es mit einem Milliardenumsatz und gigantischen Datenfundus von allen Beteiligten mit Abstand am besten dazu in der Lage wäre.

Jedenfalls: Die sehr gelungenen Tonartwechsel von Rick Wakeman sind aber natürlich trotzdem noch urheberrechtlich geschützt. Schade. So wechsle ich in meiner Version der dritten Strophe halt nicht die Tonart – was ich gitarristisch ohnehin nicht schön hinbekommen hätte –, sondern einmal mehr die Oktave. In G-Dur etwas zu hoch für einen Bariton, aber F-Dur ist umständlicher zu greifen und E-Dur schon wieder zu tief. Und mit Capo klingt meine Gitarre noch schlechter.

Mögliche Erstveröffentlichung der englischen Übersetzung.
Quelle: https://digital.nls.uk/early-gaelic-book-collections/archive/75799860

Obiger Notensatz, aus dem ich auch meinen Singtext entnommen habe, benutzt einen 6/4-Takt, Morning Has Broken wurde damals im 9/4-Takt notiert, wobei die Auftakte jeweils am Ende des Taktes standen. Ich fühle eher einen Wechseltakt zwischen 3 und 6 Vierteln, aber ich veröffentliche ja keine Noten! Die anders als bei Morning Has Broken jeweils nur 3-silbigen acht vierten Zeilen habe ich in einen solchen gefühlten 3/4-Takt gepackt, anders als üblich.

Nachdem ich übrigens in den zurückliegenden 12 Monaten 12 Lieder auf dieselbe, sehr einfache Art und Weise, mono, allein mit Gitarre, Gesang und in nur einem einzigen Take pro Lied aufgenommen habe, ändert sich das im kommenden Jahr vielleicht: Ich habe viele Ideen auch für rhythmische Begleitungen und plane deshalb, mir bald ein Drumset zu kaufen. Wenn ich das dann auch bei Aufnahmen verwenden will, werde ich aber immer mehr als einen Take und wahrscheinlich auch einen Clicktrack brauchen – ich ahne, dass ich dann eher nur noch seltener Lieder aufnehme, die dafür aber vielleicht etwas komplexer arrangiert sein könnten.

Noch ein letztes Wort zum sonstigen Setting: Das Video stammt zum dritten Mal von meiner 20-Euro-Webcam, das hat sich bewährt. Der Stern im Hintergrund schließlich ist Teil meines Weihnachtsgeschenks für Joa. Was er bescheint, ist die 7 Jahre nach dem Rohbau endlich fertig verputzte Nordgiebelwand auf unserem Dachboden. Der ganze Dreck und Staub ist nun auch an diesem Ort Vergangenheit, es kann Weihnachten werden. So.

Vielleicht 150 Jahre altes Weihnachtslied nach der Melodie Bunessan, bekannt von Morning Has Broken
Hochauflösende MP3 des Audiotracks (Peripherie gekürzt)

Der Text, wie er bei obiger Erstveröffentlichung (mit But statt Once in der dritten Strophe) geschrieben wurde:

Child in the manger!
Infant of Mary;
Outcast and stranger,
Lord of all!
Child who inherits
All our transgressions,
All our demerits
On Him fall!

Monarchs have tender
Delicate children,
Nourished in splendour,
Proud and gay;
Death soon shall banish
Honour and beauty,
Pleasure shall vanish,
Forms decay.

But the most holy
Child of Salvation,
Gently and lowly
Lived below;
Now as our glorious
Mighty Redeemer,
See Him victorious
O’er each foe.

Prophets foretold Him—
Infant of wonder;
Angels behold Him
On His throne;
Worthy our Saviour
Of all their praises,
Happy for ever
Are His own.

Titel: Child In The Manger // Originaltext (Leanabh an aigh): Mary Macdonald (unbekannt, †1872) // Englisch (Child in the manger. In: Songs and Hymns of the Scottish Highlands / Macbean, Lachlan. Edinburgh : Maclachlan & Stewart, I 24, 1888): Lachlan Macbean (unbekannt, †1931) // Musik (Bunessan): unbekannt (schottisch-gälisch, vor 1888) // Arrangement, Interpretation, Video, Produktion und ℗ (2019): joajo.de

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Eine Antwort auf „Child In The Manger“

Hallo, ich weiß gar nicht, wie ich jetzt ausgerechnet hier gelandet bin. Auch Weihnachten ist ja so weit weg. Trotzdem war es ein schönes Lied, das einem in dieser schwierigen Zeit Kraft gibt.

Grüße
Sandra

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