Kategorien
Allgemein

Vor die Hunde

Mein zweieinhalbjähriger Sohn Jeremias spielt wie so oft an einem Brunnen gleich neben dem größten Einkaufszentrum der Stadt. Ich sitze ein paar Schritte von ihm entfernt, als plötzlich ein ausgewachsener Rottweiler-Mischling um die Ecke kommt und direkt auf ihn zuhält. Als der Rüde bis auf wenige Zentimeter an ihn herankommt, löst sich Jeremias‘ Schockstarre, er fängt zu heulen an und versucht davonzulaufen – die unvermeidliche Reaktion eines Kleinkindes gegenüber einem fünfmal so großen Raubtier.

Während diese Reaktion andere Kleinkinder schon Augen, Gliedmaßen oder das Leben gekostet hat, kommt zwischenzeitlich auch das Herrchen mit der abgenommenen Leine hinterher. Am Brunnen angekommen versuche ich, den Mann anzusprechen und ihm die Einhaltung der innerörtlichen Leinenpflicht wenigstens in der Nähe von Kleinkindern zu empfehlen. Dieser pult zunächst seine In-Ear-Kopfhörer aus den Ohren und schaut mich verständnislos an – das Schreien meines Sohnes hatte er gar nicht gehört.

„Ich weiß schon, warum ich ihn von der Leine lasse“, meint er daraufhin, „das ist der bravste Hund der Welt.“

Moment – sind nicht schon die beiden Bullterrier in unserer Straße die bravsten Hunde der Welt, außer dass sie gelegentlich „schimpfen“? Das sagte zumindest kürzlich deren ebenfalls leinenloses Frauchen. Sage mir also doch bitte einer: Wem soll ich nun glauben? Oder wie sollte ich diese Mehrfachbesetzung des Spitzenplatzes der braven Hunde meinem kleinen Sohn beibringen, damit er zukünftig nicht mehr heulen muss?

Ohne mir darauf eine Antwort geben zu können, mahnt mich das Rottweiler-Herrchen, dass solcher Sarkasmus (von griechisch: „die Zerfleischung“) für ihn als persönliche Beleidigung zu verstehen sei, denn schließlich investiere er nahezu seine gesamte Freizeit in das Training mit dem Tier und habe ihn auch prüfen lassen. Er demonstriert mir: „Waldi (Name geändert), geh!“ Der Hund geht nicht, sondern bleibt bei Fuß. „Sehen Sie, ich kann machen, was ich will, er bleibt immer bei mir.“ Als Laie frage ich mich: Ist es nun gut oder schlecht, dass der Hund Befehle nicht befolgt? Und warum ist der Hund vorhin am Brunnen, als es mir wichtiger gewesen wäre, vom Herrchen weg zu meinem Kind gesprungen?

Auch das übrige Verhalten des Mannes macht es Dritten nicht gerade leicht, seiner hochkarätigen Qualifikation zu vertrauen: Wer sich einfach über die Regeln des gemeinschaftlichen Zusammenlebens hinwegsetzt und seinen Listenhund trotz bewusstem Leinenzwang nicht anleint, verhält sich nicht nur asozial (z.B. gegenüber meinem Kind), sondern nimmt auch seine Vorbildfunktion gegenüber möglicherweise weniger bemittelten Herrchen und Frauchen nicht ernst: „Wenn der seinen Kampfhund mitten in der Stadt frei laufen lässt, kann ich das mit meinem rumänischen Straßenhund ja erst recht!“

Vor allem aber versteht derjenige nicht das grundlegendste aller Hundeprobleme: Es gibt faktisch Hunde, die unbeteiligte Menschen leicht, schwer oder tödlich verletzen. Auch Hunde von kompetenten Haltern. Auch Hunde, von denen vielfach gesagt wurde, sie seinen brav. Zu den Opfern gehören auch Säuglinge und Kleinkinder, die keinen Hund bewusst zur Aggression provozieren. Woher weiß nun ich oder mein Kind, welche Hunde das sind und welche Reize man ihnen gegenüber besser vermeidet? Konkret: Ob der unbekannte Rottweilermischling, der in eben dieser Sekunde auftaucht und auf meinen Sohn zuspringt, so ein Hund ist, und wie ich mich richtig verhalte. Genau: Ich kann es nicht wissen.

„Stopp!“, wirft da das Herrchen ein: „Das weiß man bei Menschen auch nicht! Schauen Sie sich nur die vielen Terroranschläge und Amokläufe an!“

Das ist natürlich nur zu Teilen richtig. Wenn ich regelmäßig die Erfahrung machen würde, dass Menschen mich oder meine Mitmenschen leicht, schwer oder tödlich verletzen, dann würde ich Menschen ebenfalls mit zunehmendem Misstrauen begegnen und mich und mein Kind versuchen zu schützen. Tatsächlich wurde ich aber noch nie von einem Menschen gezielt körperlich verletzt. Ganz anders sieht das bei Hunden aus: Ich selbst wurde bisher zwei Mal gebissen. Mein Vater auch. Mein Onkel auch. Mein Schwiegervater auch. Mein Schwager auch …

Wie lange sollte nun ein Vater warten, bis er Maßnahmen zum Schutz vor einem konkreten Hund ergreift? Bis zum ersten Biss genau dieses Hundes gegen sein Kind? Bis zum ersten Biss dieses Hundes gegen irgendjemand anders? (… wovon er im Übrigen eher nichts erfahren würde …) Bis zum ersten Medienbericht über einen Biss dieser Hunderasse gegen ein Kleinkind? (Hoffentlich lese ich den dann auch.) Die Hundehalter, die ich bisher darauf angesprochen habe, konnten mir weder widersprechen, noch einen praxistauglichen Tipp geben – vielmehr widersprachen sie sich untereinander in wesentlichen Punkten.

Sollte daher irgendjemand diesen Beitrag lesen, der eine konstruktive Lösung hat, so bitte ich ihn, mir zu schreiben oder unten zu kommentieren.

Was mache ich bis dahin? Der Erfahrung nach halte ich zwei Lösungen für möglich: Erstens eine Art verpflichtenden Hundeführerschein, insofern eine höhere bzw. überhaupt eine Qualifikation von Hundehaltern helfen könnte, Fälle wie den obigen zu vermeiden. Oder zweitens ein generelles Verbot, Hunde zu halten, welches in besonders begründeten Fällen ausgesetzt werden kann (z.B. medizinische Indikation, Diensthunde, Jagdsport o.ä.). Beides würde wohl den 90 Prozent der Bevölkerung, die keine Leidenschaft für Hunde hat, Unsicherheiten und Verletzungen vorbeugen.

„Aber der Mensch lebt doch seit Urzeiten mit Hunden!“

Das ist wahrscheinlich richtig. Der Mensch stirbt auch seit Urzeiten an einem Eiterzahn und hat weder Schmerztabletten noch Nasensprays. Das ist aber kaum ein Argument dafür, dass das in heutiger Zeit so beibehalten werden müsste. Ich muss in meiner Stadt schon auch recht lange suchen, um Hunde zu finden, die hauptsächlich für Ackerbau und Viehzucht, Jagd oder die Verteidigung des privaten Grundstücks gebraucht werden. Mir scheint unsere Gesellschaft doch ziemlich weit von der Urzeit entfernt zu sein – und die Entfremdung verlangsamt sich nicht gerade.

Menschen unserer Zeit und Breitengrade sind in meinen Augen überwiegend inkompatibel mit Hunden und umgekehrt, insofern beide deren jeweiligen Signale bzw. Handlungen intuitiv nicht verstehen und falsch reagieren: Mein Vater findet auf der Straße ein Kind liegen, das beim Skaten gestürzt war und blutete. Er trägt es auf Armen zu dessen Elternhaus. Die Eltern öffnen die Haustür, und zum Empfang springt ihn erst einmal deren Hund an und beißt derart, dass danach mehrere ärztliche Behandlungen nötig sind.

Oder umgekehrt der eingangs beschriebene Fall: Ein Kleinkind läuft weg, wenn der Hund mit Raubtiergebiss auf es zuspringt, und weckt damit erst recht dessen Triebe. Oder es reißt die Arme hoch, wenn der kleine Jagdterrier ihm das Wurstbrot aus den Händen stibitzen will, und provoziert damit ungewollt den nächsten Schock, dass nämlich der Hund an ihm hochspringt, ihm seine Zähne auf Augenhöhe präsentiert und ihn beinahe umschmeißt. (Jeremias lernte bei diesem Erlebnis im Übrigen das Wort „Zähne“, welches er sogleich synonym für Hund verwendete.)

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Mit Verstand und Training kann man da sicher viel an kultureller Wiederentfremdung kompensieren, aber auch das nicht in der gesellschaftlich nötigen Breite und dort noch weniger bei den Kleinkindern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.