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Das HDR-Loch

Es gibt verschiedene Phasen im Leben eines Fotografen. Darunter auch Phasen, die einen daran hindern, fotografisch weiterzukommen. Phasen, die nahezu jeder Fotograf gleichsam schicksalshaft durchläuft. Phasen, die bei Martin Gommel in einem übersichtlichen Diagramm dargestellt sind. Die tückischste dieser Phasen heißt dort The HDR hole: Das HDR-Loch. Und in diesem Loch habe ich das letzte Quartal 2009 verbracht.

HDR steht für High Dynamic Range und bezeichnet damit die Eigenschaft eines Bildes, das selbst in absaufend dunklem Schatten und gleißend hellem Licht noch Details zeigt – und zwar beides gleichzeitig. Sowohl der Sensor herkömmlicher Kameras als auch das Display herkömmlicher Monitore können aber nur einen viel begrenzteren Dynamik-Umfang einfangen bzw. wiedergeben. Daher wird ein HDR-Bild aus mindestens zwei, oft aber drei oder noch mehr unterschiedlich belichteten Fotos erstellt: Die zuständige Software nimmt dabei aus den kürzer belichteten Aufnahmen die helleren Bereiche und aus den länger belichteten die dunkleren, sodass am Ende der Dynamikumfang bzw. die Helligkeitswerte des gewonnenen Bildes in einem kompakten Bereich liegen.

Beispiele aus oben genanntem Zeitraum:

Warum aber benutzt man hier den negativen Begriff HDR-Loch? Sind HDRs nicht sooo cool und sehen aus wie Screenshots von 3D-Renderings? Antwort:

  1. Um die für HDRs nötigen Belichtungsreihen aufzunehmen, muss man mit einer möglichst statischen Kamera arbeiten – üblicherweise also mit einem Stativ. Und auch das Motiv sollte statisch sein und sich nicht so sehr bewegen, am besten also etwas Totes. Wer HDRs also cool findet, geht auf die Suche nach Motiven, die er um des HDRs willen braucht. Obwohl er oft sogar lieber ganz andere Sachen fotografiert.
  2. Häufig sind Motive schon so gut ausgeleuchtet, dass man gar kein HDR braucht, um sie optimal ins Bild zu setzen. Wer HDRs cool findet, muss sich also auf die Suche machen nach möglichst ungünstig beleuchteten Szenerien, um überhaupt die Vorteile seiner Methode ausspielen bzw. deren Nachteile rechtfertigen zu können. Und es ist gar nicht so einfach, ungünstige Motive zu finden!
  3. Wer HDRs von etwas Lebendigem wie Landschaften, Pflanzen, Tieren oder gar Menschen erstellt, provoziert beim Betrachter eine gewisse Irritation über die unnatürlich und damit häufig unpassend wirkenden Lichtverhältnisse des Bildes. Tendenziell betrachtet dieser deshalb das Bild eher als Medium und weniger das abgebildete Motiv.
  4. Das wiederum kommt letztlich daher, dass sich schon der Fotograf mehr auf die Technik seiner Aufnahme konzentriert hat als auf das aufzunehmende Motiv. Blickt er später auf seine so gewonnenen Bilder, gewinnt er ihnen kaum mehr ab als die Erinnerung an die roboterhafte Erstellung. Das Motiv selbst gefiel ihm ja schon damals nicht so richtig.

Das ist also das Loch: Das Wesen der Methode bestimmte das Motiv, und nicht das Wesen des Motivs die Methode.

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