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Wohnen an der Fils – oder warum Nachteile manchmal 100.000 € kosten

Wenn ich gelegentlich mit dem Fahrrad die Bühlstraße entlangfahre, begegnet mir dort seit einigen Wochen ein Plakat:

Wohnen an der Fils – Südbalkon, Aufzug, Tiefgarage, hochwertige Ausführung, barrierefrei – schlüsselfertig ab 192.700,– €.

Mittlerweile habe ich die genauen Quadratmeterpreise der hier beworbenen Wohnungen herausgefunden: Sie reichen von 2.125 bis 2.525 € und liegen im Schnitt etwa bei 2.330 Euro – wobei man für die jeweils obenaufliegende Penthouse-Wohnung natürlich tiefer in die Tasche greifen muss. Und ein einzelner Tiefgaragen-Stellplatz beginnt bei zusätzlichen 12.000 €.

Unser Haus in der Stahlstraße müsste mit seinen gut 142 m² Wohnfläche, wenn man den Quadratmeterpreis etwa der mit 132 m² größten Wohnung anlegt, rund 333.000 € kosten – allerdings ohne 250 m² Garten und Garage. Tatsächlich würde es aber, wenn man Garten und Garage grob abzuziehen und die Fertigstellung der vielen unfertigen Stellen zu überschlagen versucht, nur etwa 230.000 € kosten, also ziemlich genau 1/3 weniger. Diese enorme Differenz von über 100.000 € muss einen doch fragen lassen: Weshalb sind die Wohnungen in der Bühlstraße so teuer?

Zunächst fand ich dafür keine Erklärung. Eher fand ich Gründe, weshalb es gerade andersherum sein müsste: Im Gegensatz zur Bühlstraße haben wir in der Stahlstraße nämlich

  • einen großen Keller mit weiteren 54 m² und weitere Abstellräume,
  • selbstgewählte Materialien innen wie außen, frei wählbare Ausstattung wie Heizung, Armaturen, Fenster und eine nicht vorgegebene, sondern individuell angepasste Anordnung der Schalter, Steckdosen und Beleuchtung,
  • nicht nur eine hochwertige, sondern zudem noch eine ökologisch und baubiologisch bessere Ausführung,
  • die Möglichkeit, später auch einmal größere Veränderungen an der Immobilie zu realisieren, zum Beispiel einen Anbau, einen Dachbalkon, eine Solaranlage oder eine neue Raumaufteilung,
  • das Wissen um den genauen Aufbau der Böden, Wände, Decken, des Daches und anderer Bauelemente sowie den genauen Verlauf jeder einzelnen Strom-, Wasser und Heizleitung,
  • dazu einige bautechnische Erfahrung in verschiedenen Gewerken, die oft Freude macht und sich auch langfristig immer wieder gut auf die Finanzen auswirkt,
  • eine viel ruhigere und dennoch hervorragende Lage, nicht mitten in dem hektischen Einkaufszentrum und den nächtlichen Gelagen betrunkener Jugendlicher,
  • ein ganzes Haus für uns, ohne rauchenden Nachbarn auf dem Balkon oder wummernde Technobeats unterm Bett, dafür mit viel größerer eigener Freiheit.

Was könnte es nun sein, was die Käufer der Bühlstraßen-Wohnungen dazu bewegt, auf dies alles zu verzichten und dafür auch noch 100.000 € draufzuzahlen? Mangels anderer Gründe müssen es wohl folgende 3 Eigenschaften sein, die unser Haus in der Stahlstraße nicht (von Anfang an) erfüllt:

  • barrierefrei: Wohl könnte man bei uns im Hochparterre mit relativ überschaubarem Aufwand Barrierefreiheit erreichen, und ein Treppenlift bis ins Dachgeschoss kostet auch keine 30.000 €. Aber derzeit haben wir das nicht, und deshalb müsste man bei Bedarf noch einmal nachrüsten. Den Komfort eines richtigen Aufzugs würde man aber auch dann tatsächlich nicht erreichen.
  • modern: Durchaus ist unser Haus nicht modern, wenngleich vieles Neubaustandard hat und teilweise auch stilistisch jüngere Elemente aufweist. Nein, unser Haus ist zunächst einmal knapp 100 Jahre alt, und im Wesentlichen blieb die Bausubstanz erhalten. Ein so altes Haus zu sanieren hat in finanzieller, materieller, ökologischer oder gesundheitlicher Hinsicht meist mehr Vor- als Nachteile – aber das scheint den heutigen Käufer gar nicht zu interessieren. Es ist vermutlich nicht viel mehr als die Mode, was ihn zur teuren Alternative lockt – und vielleicht auch das Missverständnis, das Neue sei auch das Bessere.
  • schlüsselfertig: Das scheint mir der mit Abstand gewichtigste Draufzahlgrund zu sein: Die Entscheidung, lieber zwei weitere Jahresgehälter anstelle von handwerklicher Arbeit in den Ort zu stecken, an dem man vielleicht Jahrzehnte verbringen wird. Für manche kann das natürlich aus körperlichen, sozialen oder beruflichen Gründen die einzige Möglichkeit sein, an ein Eigenheim zu kommen.

Alle anderen mögen ihre Entscheidung aber anhand unseres Beispiels noch einmal genau durchdenken: Lohnen sich 100.000 € Aufpreis für die vielen wesentlichen Nachteile, nur um eine schlüsselfertige, moderne und barrierefreie Wohnung zu bekommen? Oder habe ich etwas übersehen?

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