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Rilkes Panther

Am heutigen Tag vor Heiligabend werden es 4 Jahre, dass dieses Lied erstmals aufgenommen und veröffentlicht wurde. Es ist und war das letzte und zugleich bekannteste von drei Rilke-Gedichten, das ich auf einfache Weise vertont habe – wohlgemerkt: ohne dabei irgendeine andere Vertonung zu kennen.

Es war eine dunkle Zeit. Todtraurig sind entsprechend Rilkes Worte. Vorab will ich hier ein Prosastück Rilkes in Auszügen anführen, das wohl auf denselben Beobachtungen beruht wie der Panther. Die Löwin:

Sie geht hin und her wie die Wachposten draußen am Rand der Wälle, wo nichts mehr ist. Und wie in den Wachposten ist Heimweh in ihr, schweres Heimweh in Stücken … So liegen Erinnerungen, Stücke von Erinnerungen, bruchflächig, im Dunkel auf dem Grund ihres Blutes …

Nun zuckt es noch da und dort in den Muskeln und spannt sich, da und dort bilden sich, zu weit von einander, kleine Stellen von Zorn; das Blut bricht sicher böse, mit einem Sprung, aus den Herzkammern aus und gewiß hat es noch die vorsichtigen erprobten Wendungen entschlossener Plötzlichkeit, wenn es in das Gehirn tritt. Aber es lässt nur geschehn, weil es noch nicht zu Ende ist und verwendet nichts mehr und nimmt nicht mehr teil …

Dann aber nimmt sie ihren Gang wieder auf, den trostlosen, lächerlichen Gang der Wachposten, der immer wieder in dieselben Fußstapfen zurückfällt. Sie geht und geht, und manchmal erscheint ihre zerstreute Maske, rund und voll, durchgestrichen vom Gitter …

Sie geht wie Uhren gehen. Und auf ihrem Gesicht steht wie auf einem Zifferblatt, das man nachts anleuchtet, eine fremde, merkwürdig kurz angezeigte Stunde: eine furchtbare, in der jemand stirbt.

Rainer Maria Rilke: Der Löwenkäfig. In: Die Gedichte 1906 bis 1910 / Ders. Paris, 1907.

Zur Aufnahme: Auch diesmal gab es aus Zeitgründen und Prinzip nur einen einzigen Take, aus dem Video und Audio, Gesang und Gitarre gleichzeitig stammen, völlig unbearbeitet und ungeschnitten. Nur eine Oberstimme nahm ich einige Tage später noch getrennt auf, die leise und immer besser hört, wer genau und bis zum Ende hört. Es liegt außerdem ein bisschen Chorus auf der Gitarre und gleich etwas Echo auf dem Gesang.

Das eingebettete Video von YouTube
Hochauflösende MP3 des Audiotracks (Peripherie gekürzt)

Der Text, wie er auch für die Video-Untertitel auf YouTube automatisch synchronisiert wurde:

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf —. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille —
und hört im Herzen auf zu sein.

Titel: Rilkes Panther // Text (Der Panther. Im Jardin des Plantes, Paris. In: Neue Gedichte / Rilke, Rainer Maria. Leipzig : Insel-Verlag, 1907, 37): Rainer Maria Rilke (1902–1903, †1926) // © Melodie (2014), Interpretation, Video, Produktion und ℗ (2018): joajo.de

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