Massive Sicherheit

Zufällig wurde ich Zeuge eines Gesprächs mit einer Flüchtlingsfamilie. Der aus Syrien kommende, eher mittellose Vater sucht ein großes Auto: Er muss für seinen Hausmeisterjob Grünmüll und Gartengeräte im Kofferraum transportieren können, außerdem seine Frau mit bisher 3 Kindern und gelegentlich seine Schwiegereltern. Der Tipp seines wohlständigen deutschen Gegenübers: Da brauchst du einen Bus! Wir haben seit Kurzem einen neuen VW-Bus. Der ist besser als ein Sharan, weil man die Sitze der zweiten Reihe rückwärts stellen kann, was die Fahrten für unsere drei Kinder nochmal ein ganzes Stück sicherer macht! Und der Kofferraum reicht eigentlich auch.

Der Syrer wirkt etwas verunsichert: Die einzigen 7-Sitzer, die er im Internet finde, seien sehr alte Mazda 5 oder Opel Zafira, die hätten aber keinen Kofferraum mehr. Und alle anderen kosteten immer mehr als 3.000 Euro …

Damit war die Kommunikation am Ende. Ratlosigkeit auf beiden Seiten. Ein soziales Gefälle, das auch ein T6 4MOTION nicht überwinden kann. Ein Gefälle, das nicht nur zahlreiche Alltagsprobleme für diejenigen mit sich bringt, die am unteren Ende stehen. Nein, sondern das auch das Überleben dieser sozial, finanziell oder materiell Schwächeren bei einem Verkehrsunfall unwahrscheinlicher macht. Oder unverblümter gesprochen: Das deren Tod wahrscheinlicher macht. Im Interesse dieser Letztgenannten soll der Sachverhalt zumindest einmal kurz am vorliegenden Beispiel erklärt werden:

Der günstigste T6 Caravelle (Trendline) kostet knapp 40.000 Euro und wiegt leer schon fast 1.800 Kilo. Nimmt man stattdessen die höherklassige Variante (Highline), ist man mit kurzem Radstand und ohne jede Sonderausstattung schon bei einem Leergewicht von über 2 Tonnen und einem Basispreis von 65.000 Euro. Trotz hochentwickeltem Dieselmotor liegt der kombinierte Verbrauch hier dank Masse und Luftwiderstand schon bei deutlich über 8 Litern, und das sind nur die Laborwerte.

Diese sind in der Praxis vermutlich eher leicht zu überbieten. Denn um mit diesem Schwergewichtler nicht wie mit einem Schwergewichtler unterwegs sein zu müssen, beschleunigt schon die Standardmotorisierung auf über Tempo 180. Der etwas stärker aufgemöbelte 2.0 TDI schafft trotz Scheunentor-Aerodynamik sogar über 200. Dass das keine Theorie ist, kann man regelmäßig bei Autobahnfahrten beobachten. Oder psychologischen Studien entnehmen, die nahelegen, dass Fahrer, die erstens von der Sicherheit ihres Fahrzeugs überzeugt sind und zweitens über entsprechende Leistungsreserven verfügen, zur Risikokompensation neigen. Auf diese Weise erreicht der T6 Caravelle ohne Zuladung eine Bewegungsenergie von bis zu 3.000.000 Newtonmetern.

Der günstigste Dacia Logan MCV – ein Auto, in das manch dankbarer kleiner Mann gerade so seine 3 schmalen Kindersitze quetscht – kostet neu knapp 8.000 Euro und wiegt ziemlich genau die Hälfte vom eben genannten VW-Bus. Er bietet keine drehbaren Sitze, keine fortgeschrittenen Sicherheitsfeatures und insgesamt auch nicht wirklich viel Spaß. Er scheitert in dieser Preisklasse zudem schon an Tempo 160, fährt dafür aber immerhin selbst als Benziner sparsamer. Überhaupt, das ist ja der primäre und primitive Anspruch: Er fährt. An kinetischer Energie kann er dabei knapp 1.000.000 Newtonmeter aufbauen. 

Setzen wir einmal eine stark vereinfachte Konfrontation dieser beiden Fahrzeuge voraus, bei der sämtliche Bewegungsenergie mit optimaler Impulsübertragung und ohne irgendwelche sonstigen Reibungsverluste allein von den Fahrzeugen aufgenommen wird: Fahren die beiden Unfallgegner vor dem Crash genau gleich schnell, z.B. 50 km/h, wird der Caravelle nach dem Crash seine Geschwindigkeit um die Hälfte auf 25 km/h reduziert haben. Auch der Logan wird sich nach dem Crash mit Tempo 25 bewegen – allerdings entgegen seiner ursprünglichen Fahrtrichtung, nämlich rückwärts. Die negative Beschleunigung der Insassen des Logan ist damit beim Zusammenstoß dreimal so hoch wie die der Insassen des Caravelle.

Verschiedene Crashtests – in diesen Tagen auch unter besonderer Berücksichtigung des Masseverhältnisses von SUVs und leichteren PKW – weisen nun auf eine Tatsache hin, die auch schon eine gewisse Lebenserfahrung nahelegt: Eine um Faktor 3 erhöhte negative Beschleunigung beim Zusammenstoß bedeutet für den Menschen im Fahrzeug ein um deutlich mehr als Faktor 3 erhöhtes Verletzungsrisiko.

Nun wird sich ein derart theoretischer Unfall nie ereignen. In der Praxis nehmen die Knautschzone, der Airbag, die Bremsen, die Leitplanke, die Fahrbahn und so weiter viel Energie auf. Aber das deutlich gewordene und grundlegende Missverhältnis der beiden Massen und damit der negativen Belastung bleibt in jedem Fall bestehen. Mehr noch: Durch das zusätzliche Missverhältnis der passiven Sicherheitssysteme des teuren gegenüber dem günstigen Fahrzeug – genau, dazu gehören auch die rückwärts gestellten Sitze in der zweiten Reihe – wird sich das Schicksal der jeweiligen Insassen in der Praxis noch stärker unterscheiden als in der oben skizzierten Theorie.

Was heißt das bezüglich des eingangs erwähnten Gefälles? Die Sicherheit des Wohlständigen und seiner Familie wird nicht allein durch höhere Einmal- und laufende Kosten oder den höheren Spritverbrauch erkauft. Nein, die schiere Masse eines hochentwickelten Busses begünstigt seine Insassen bei genanntem Crash in genau dem Maß, wie sie den schwächeren Verkehrsteilnehmer gefährdet. Sie wird damit auch auf Kosten dessen erkauft, der sich kein ebenso schweres oder sicheres Auto leisten kann oder diesem massiven Wettrüsten aus anderen Gründen entsagt. Und die Möglichkeit zur meist unbewussten Risikokompensation lässt diese Kosten noch weiter steigen.

Das ist natürlich kein auf das SUV-Zeitalter beschränktes Phänomen. Es ist, vergleichbar der natürlichen Selektion, ein Phänomen der Menschheitsgeschichte, das im heutigen Straßenverkehr vergleichsweise direkt greifbar wird. Wer dazu die Ethikfrage stellt („Ist es gut, zur Verbesserung der eigenen Sicherheit die Sicherheit meines Nächsten zu beeinträchtigen?“), betritt eine Kampfzone und wird sich keine Freunde machen – schließlich kauft doch keiner ohne Notwendigkeit ein zu großes Auto! Wer immer diese Frage dennoch fundiert beantworten will, muss sich zumindest der oben genannten Zusammenhänge bewusst sein: Es geht bei Entscheidungen im Straßenverkehr nicht nur darum, was ich mir leisten kann oder will – die Kosten der massiven Sicherheit tragen vielmehr alle Beteiligten. Für die syrische Familie könnten die 3.000 Euro dabei schon im Bruchteil eines unachtsamen Augenblicks überschritten werden.

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