Geschichte einer massiven Fichtenplatte

Bohrloch, 30 auf 16 Millimeter

Für einen großen Esstisch kann man ein Vermögen ausgeben. Vor allem für einen großen Esstisch aus Massivholz. Kann man. Muss man aber nicht. Ja, man kann mitunter noch mehr: Was einmal ein Esstisch war, kann auch ein Schreibtisch werden. Oder eine Werkbank. Oder umgekehrt. Es hängt vor allem davon ab, wie man die Sache angeht.

Allzwecktisch

Zum Beispiel unser Fall: Da war die Sache eine 2500 x 800 x 45 Millimeter große Leimholzplatte aus massiver Fichte und dem Baumarkt. Ich wollte nämlich einen möglichst großen Allzwecktisch mit möglichst kleinen Zargen, weil ich viel Platz brauchte und lange Beine habe. Zusammen mit zwei Böcken von Ikea, damals noch unter dem Namen Vika Artur und ebenfalls aus massiver Fichte, kostete dieser stufenlos höhenverstellbare und äußerst stabile Tisch weniger als 200 Euro. Zwei große Bildschirme und vier aufgeschlagene Aktenordner fanden problemlos darauf Platz, alternativ Kochtöpfe, Teller und Getränke. Dazu Lautsprecher, Telefon und eine kleine Nachschlage-Bibliothek.

Schreibtisch

Ein Jahr später zog das Konstrukt um: Von der Tübinger Neckargasse in die Neckarhalde. Dort sollte es 2 Jahre als reiner Schreibtisch fungieren. Bei dieser Gelegenheit konnte auch endlich die Oberfläche behandelt werden: Rustins Danish Oil sollte die bisher unbehandelte Platte vor den zahlreichen Rotwein- und Whiskey-Flecken (!!!!“) schützen. Also mit 120 und 180 Korn geschliffen, Öl mit etwas Terpentinersatz verdünnt und mit Pinsel aufgetragen. Nach 20 Minuten die Schlemme mit Baumwolllappen abgenommen und poliert. Tags darauf mit 240 Korn feingeschliffen und dieselbe Behandlung noch einmal ohne Terpentin. Dadurch wurde die Oberfläche seidenmatt und die Holzmaserung gut angefeuert. Vor allem aber: Sie wurde steinhart.

Werkbank

Ab Juli 2010 wartete auf den bisherigen Schreibtisch eine andere Herausforderung: Zu groß für die neue Wohnung, sollte er ab sofort als Werkbank eingesetzt werden. Trotz der guten Erfahrungen mit der letzten Behandlung suchte ich nach etwas noch Härterem, während die Optik egal war. Die Wahl fiel auf das Hartwachs-Öl Osmo TopOil High Solid. Diesmal kam ein alternatives Verfahren zur Anwendung: Das Öl wird mit einem Spachtel üppig und gleichmäßig aufgetragen und dann nur an den Rändern als Überlauf, nicht aber als flächig stehende Schlemme abgenommen. Dadurch bildet das Öl nicht nur im Holz, sondern vor allem auf dem Holz eine harte, geschlossene Schicht. Da man hierdurch die Holzfasern ohnehin nicht mehr spürt, reicht vorher ein einziger grober Schliff, um Macken und Flecken zu entfernen.

Esstisch

Wiederum 3 Jahre und einen weiteren Umzug später fehlte uns schließlich im Wohnzimmer ein Esstisch. Die Maße der alten Fichtenplatte schienen uns ideal, um 6 bis 8 Personen daran unterzubringen. Allerdings: Das weiche Fichtenholz war von unzähligen Hammerschlägen, Schraubzwingen, Sägewunden und Farbflecken beidseitig so gezeichnet, dass es kaum mehr einen Wohnraum zieren würde. Es stand also die umfangreichste Behandlung der Platte an: Mit 60 und 80 Korn wurden sämtliche Macken und Ölreste auf allen Seiten entfernt, mit 120, 180 und 240 die Oberfläche feingeschliffen. Danach kam zweimal Woca Maintainance Oil zum Einsatz. Eigentlich für die Nachbehandlung von Holzfußböden gedacht, erhält dieses Öl die blonde Optik der Fichte, feuert so gut wie nicht an, ist für einen Esstisch unbedenklich und wirkt dennoch härtend. Und mit diesem Öl kann die Oberfläche auch in Zukunft gepflegt werden.

Sonstige Anpassungen

Da die ursprüngliche Fichtenplatte mittlerweile nicht mehr 45, sondern nur noch 42 Millimeter stark und über die Jahre auch etwas durchgehangen ist, bekam sie außerdem noch Verstärkung durch ein Kantholz. Das war übrig von der Sparrenaufdopplung und konnte mit Weißleim flächig befestigt werden, wobei Schraubzwingen und einige Spax den nötigen Druck lieferten. Seine Dimensionen 1900 x 100 x 60 Millimeter vermeiden schmerzhaften Kniekontakt auch größerer Personen. Die Wölbung der Stirnseiten schließlich, die von der unterschiedlichen Behandlung und Feuchtigkeitsaufnahme der Ober- und Unterseite herrührt und die man auf dem letzten Bild unten sieht, stört bisher noch zu wenig, als dass wir dagegen vorgehen würden.

Kosten

Zu den eingangs genannten 200 Euro für Platte und Böcke kommen mittlerweile also noch rund 50 Euro für die verwendeten Öle, das Schleifpapier, Pinsel und die übrigen Verschleißteile. Und natürlich die Arbeits- und Vorbereitungszeit: Insgesamt vermutlich um die 20 Stunden – verteilt allerdings auf über 7 Jahre.

Ein Gedanke zu „Geschichte einer massiven Fichtenplatte“

  1. Hallo Herr Benner,

    könnten Sie mir das Passwort für den Wortschatz Ambrosiani verraten? Bin gerade auf dem Ambros und auf Ihre Seite gestoßen. Vielen Dank.

    Grüße Michael

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