Christengegner, Pharisäer und die Volxbibel

Lukas 3,25, EF 60mm f/2.8 Makro 1:1

Im Umfeld der frühen Kirche gab es ein Prinzip, das besagt, dass Form und Inhalt von Texten einander entsprechen müssten. Wenn etwa ein Schriftstück den Anspruch erhob, göttliche Autorität zu haben, dann musste dieses auch literarisch von außergewöhnlich hoher Qualität sein. Blieb das Werk hingegen hinter einem gewissen sprachlichen Niveau zurück, stellte dies auch dessen Inhalt infrage.

Für den antiken Gelehrten wurde dieses Prinzip zum Argument gegen das Christentum: Das Schrifttum der Jesus-Nachfolger bewegte sich größtenteils auf sprachlich niedrigem Niveau, es war in gemeinem Griechisch verfasst. Kaum möglich, dass hierhin etwas Wahres über den höchsten Gott des Universums enthalten sein sollte!

Nichtsdestotrotz stammt von diesem christlichen Schrifttum ein Textkorpus ab, welches größeren Einfluss auf die Menschheitsgeschichte nicht hätte haben können: Das Neue Testament.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde dieses Textkorpus tausendfach übersetzt, hundertfach allein in die deutsche Sprache. Das hat den Grund, dass nicht nur die Ausgangssprache – heute Altgriechisch genannt – für viele unverständlich ist, sondern dass auch die Zielsprache – z.B. Deutsch – sich kontinuierlich verändert.

Paradoxerweise mündeten solche Übersetzungen meist in eine ganz gehobene Zielsprache – in eine Sprache, die eigentlich niemand spricht. Man schaue sich die heutige Luther-, Elberfelder oder Schlachter Bibel an! Damit aber wirken sie ganz anders, als die Ausgangstexte in der Antike es taten, die zu Teilen auf mündlicher Überlieferung basieren, zum Vorlesen gedacht sind und neben einem Platon schlicht Umgangssprache waren.

Noch weitaus paradoxer ist aber die Tatsache, dass gerade Leser solch gehobener deutscher Bibelübersetzungen mit Empörung gegen umgangssprachliche Fassungen des Neuen Testaments vorgehen. Indem sie militant die Ansicht vertreten, Gottes Wort müsse in anspruchsvoller Schriftsprache fixiert und gelesen werden, und indem Sie alles geringere kritisieren, nehmen sie aktiv die Rolle des antiken Christengegners ein.

Dahinter steht wahrscheinlich eine von den Pharisäern des Neuen Testaments her bekannte Auffassung: Nur traditionelles, vermeintlich formtreues Festhalten am biblischen Text und dessen buchstäbliche Befolgung führen zu wahrer Erkenntnis, zu wahrem Glauben, zu wahrem Heil.

Wohin es aber tatsächlich führt, ist nicht nur damals für Jesus, sondern auch für viele Christen und Nichtchristen heute augenscheinlich: zu Lieblosigkeit, überheblichem Erkenntnisoptimismus im Urteil und zu der Angst, dass der Inhalt aus dem kontrollierbaren Gefängnis des Buchstabens ausbrechen könnte, um die Menschen mit geringerer Bildung, fragwürdigem Umfeld und fremden Sprachcodes zu erreichen. Kurzum: Es führt weg von Gott und den Kerninhalten seines Wortes.

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