Ich wünsche Ihnen frohe Ostern

Lukas 3,25, EF 60mm f/2.8 Makro 1:1

Dieser Tage lag der aktuelle Gemeindebrief der Stiftskirche Tübingen vor der Tür. Auf der Titelseite verspricht der Pfarrer Einstimmung auf Karfreitag und Ostern. Aber was wird da gesungen, was ist uns überliefert? Dass „Jesus für uns gestorben ist und uns durch sein ‚teures Blut‘ vor Gott gerecht und gut gemacht hat (so z.B. EG 79).“

Das Blatt führt nun aus, dass solches gar nicht nötig gewesen wäre: Der Mensch war schon immer gerecht und gut, und Jesus hat den Menschen lediglich geholfen, das wieder zu verstehen. „Das ist seine frohe Botschaft, ganz ohne Kreuz.“ So heißt es über ihn weiter:

Aber warum musste er leiden? Weil wir Menschen schrecklich viel Angst und Sorge um uns selbst in uns tragen …

Um das Leiden und Sterben Jesu herum hat sich die neue christliche Religion gebildet und vom Judentum abgegrenzt. Nichts lag dem Juden Jesus ferner, als selbst zum Gegenstand gläubiger Verehrung zu werden. Aber so ist es gekommen. Man hat seinem Tod theologische Bedeutung gegeben, um damit klar zu kommen, dass ausgerechnet dieser Mensch dieses Schicksal erleiden musste.

Die Passionsgeschichte ist ein Drama um Liebe und Hass. Sie handelt von uns. Gott hat sich durch das Leben Jesu mitgeteilt, durch sein Leiden sehen wir in den Spiegel und erkennen uns selbst. Selbsterkenntnis kann erlösen, der Tod tut es nicht. Am Ende verströmt die Geschichte eine tiefe österliche Ruhe und Klarheit nach all dem Getümmel und Getöse.

Michael Seibt

Das macht mich doch stutzig. Entweder habe ich in meinem Studium der Altsprachen und biblischen Exegese maßgebliche Texte übersehen, oder der Autor schöpft seine theologischen Erkenntnisse aus ganz anderen Quellen. Welche könnten das sein? Bei näherer Betrachtung blitzt im Text ein Zufluss der christlichen Überlieferung auf, welcher sich schon öfter als innovativ erwiesen hat: Das persönliche Erleben. Der Autor kommt, wie er sagt, ins Stolpern, weil er „gewaltsames Blutvergießen beim besten Willen nicht als versöhnend erlebe. Auf Gewalt folgt Gegengewalt. Gewalt macht nichts ‚gerecht und gut‘.“

Zu diesem Erlebnis will ich gerne Zweierlei bemerken:

Dass das zitierte Osterlied EG 79 im Gegensatz zum persönlichen Erleben des Autors steht, ist nicht nur schade, sondern für mich auch nicht nachvollziehbar: Weder im Lied noch im Neuen Testament ist es Gewalt, die versöhnt. Nein, Jesus ist passiv: er erleidet, schweigt, nimmt auf sich – wie der Gottesknecht. Aktiv ist er dabei höchstens am Ende: Da vergibt er seinen Peinigern. Gewalt führt am Karfreitag gerade nicht zu Gegengewalt. Der Pfarrer stößt sich offenbar an einer ganz eigenen Vorstellung von versöhnender Gewalt.

Folgt man weiter dem biblischen Grundtenor, ist der Kreuzestod auch nicht etwa durch Jesu oder des Vaters Gewaltbedürfnis motiviert; vielmehr geschieht die Versöhnung aus deren Liebe. Nicht nur im Hinblick auf den Autor sagt der Gemeindebrief hier also doch etwas Wahres: Wir können Liebe oft nicht zulassen.

Aber einmal angenommen, die obige Aversion gegen Kerninhalte der christlichen Überlieferung wäre irgendwie nachvollziehbar. Dann drängte sich dem kirchlichen Leser immer noch eine zweite Frage auf: Rechtfertigt das subjektive Erleben eines stolpernden Pfarrers die schiere Neuerfindung von Ostern? Ja, eine Neuerfindung des Christentums? An keinem besseren Ort als in der gemeindlichen Verkündigung?

Tatsächlich gibt es nicht nur seit der Neuzeit in der theologischen Forschung, sondern seit Jahrzehnten auch in den Ortsgemeinden eine solche Dynamik: Wenn jeder Begriff seinen Ursprung wesentlich im Subjekt hat, ist auch alles Wissen um Gott und Heilsgeschichte nur Produkt des Menschen, dann steht einer Manipulation und Demokratisierung christlicher Dogmen scheinbar nichts mehr im Weg – im Gegenteil: Man sollte dann gar nicht mehr von Manipulation sprechen, denn es könnte ja sein, dass Gott sich in eben dieser Dynamik offenbart!

Solange aber die Titelseite des Gemeindebriefs diese Dynamik ohne jede Plausibilisierung in die Aufgabenstellung konvertieren kann, „uns von allen routinierten Erklärungen zu verabschieden, die den Tod Jesu in unser gläubiges Weltbild einsortieren“, solange klingt darin auch schon meine Entgegnung an: Wir stehen vor der Aufgabe, uns von allen routinierten Erklärungen zu verabschieden, die den Tod Jesu in unser postmodernes Weltbild einsortieren.

Denn so ist es gekommen: Man hat seinen Tod der theologischen Bedeutung entkleidet, um damit klarzukommen, dass ausgerechnet dieser Mensch dieses Schicksal erleiden musste.

Solange sich aber eine Argumentation im Gemeindeblatt dennoch auf Jesus beruft und auf dasjenige, was ihm vermeintlich fernlag, solange sollte sie doch konsequent sein und berücksichtigen, dass ihm vermutlich nichts ferner lag als das ihr zugrunde liegende Weltbild. Sonst tut sie nämlich nicht nur Jesus Gewalt an, sondern vor allem auch seinen Nachfolgern.

Wie ich den Gemeindebrief beiseitelege, bleibt mir nun jedenfalls noch Eins: Nach all dem Getümmel und Getöse wünsche ich Ihnen von Herzen eine tiefe österliche Ruhe und Klarheit!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.