Der Spiegel

Lukas 3,25, EF 60mm f/2.8 Makro 1:1

Kierkegaard vergleicht (in Anlehnung an Jak 1,22-27) das Gotteswort mit einem Spiegel, geschaffen, damit der Mensch sich selbst darin erblicke. Aber so sein Selbst zu sehen mag gefährlich auf Veränderung drängen. Der naheliegende Weg: Ich lege den Spiegel beiseite. Der arglistige Weg: Ich untersuche den Spiegel als solchen:

„Denn nimm die heilige Schrift, schließ die Tür hinter dir zu – nimm dann aber zehn Wörterbücher, fünfundzwanzig Auslegungen: so kannst du die heilige Schrift ebenso ruhig und ungeniert lesen wie du den Lokalanzeiger liest. Fällt es dir dann etwa, wunderlicherweise, gerade, wenn du so recht schön dasitzst und eine Stelle liest, zwischendurch ein: hab ich dies getan, handle ich hiernach (natürlich nur in Geistesabwesenheit, in einem zerstreuten Augenblick, da du nicht mit dem gewohnten Ernste gesammelt bist, kann dir dergleichen widerfahren), so ist die Gefahr doch nicht eben groß. Denn sieh, vielleicht sind da mehrere Lesarten, und vielleicht wird gerade jetzt eine neue Handschrift aufgefunden: ei, Gott behüte – da ist Aussicht auf neue Lesarten, und vielleicht sind fünf Ausleger der einen Meinung und sieben einer anderen, und zwei einer merkwürdigen Meinung, und drei schwankend oder haben keine Meinung, und ‚ich selbst bin nicht ganz einig mit mir über den Sinn dieser Stelle, oder, um meine Meinung zu sagen, ich bin der gleichen Meinung wie die drei Schwankenden, die keine Meinung haben‘ und so weiter“ (XII/321).

So möchte man meinen, die Heilige Schrift sei geschenkt, um den Lesenden Gelegenheit zu geben, dunkle Stellen zu dolmetschen, nicht aber, um die hellen Stellen flugs ins Leben zu übersetzen. Wir schieben die Wissenschaft zwischen uns und Gottes Wort, „ungefähr wie wenn ein Schuljunge ein Handtuch oder auch mehrere unter seinem Wams anbringt, wenn er Prügel kriegen soll“ (XII/323). Tatsächlich aber ist Gottes Wort, so an-sprechend wie der Brief einer Geliebten, den man auch nicht erst nach dem Studium von Wörterbüchern und fremder Leser Erörterungen zu verstehen meint. Unter dem „rühmenden Namen von gelehrtem und gründlichem und ernstem Forschen und Grübeln“ (XII/316) verbirgt sich der simple Umstand, daß der Lesende nicht wirklich zum Leser des Textes wird – und schon gar nicht zum Hörer des Wortes.

Aus: Backhaus, Knut: „Die göttlichen Worte wachsen mit dem Leser“ : Exegese und Rezeptionsästhetik. In: Garhammer, Erich (Hg.) ; Schöttler, Heinz-Günther (Hg.): Predigt als offenes Kunstwerk : Homiletik und Rezeptionsästhetik. München : Don Bosco, 1998, S. 149f.

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